Beurteilungskriterien

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Stand 19.11.2009

 

 

 

 

Ab 01.07.09 sind neue Beurteilungskriterien in Kraft getreten. Die folgende Einschätzung ist ein Artikel aus dem nlvp 02/2009 (Nähere Informationen dazu unter www.nlvp.de )

Zweite Auflage der "Beurteilungskriterien"
Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Hamburg
Anfang des Jahres ist die zweite, erweiterte und überarbeitete Auflage
der Beurteilungskriterien erschienen. Nach einer Übergangsfrist gelten
sie voraussichtlich ab 01.07.09 als normativ verbindliches Dokument,
an das sich Gutachtern halten müssen. Dies wirft eine Reihe
von Probleme gerade auch für therapeutisch arbeitende Verkehrspsychologen
auf, wie an einigen Stellen deutlich wird. Grundsätzlich ist
die Struktur der Beurteilungskriterien beibehalten worden, es hat
deutliche Veränderungen im Bereich Drogen gegeben, der Leistungsbereich
ist neu gefasst worden, in dieser Besprechung soll es aber
schwerpunktmäßig um den Anlass Alkohol gehen.

Die Grundlogik der Kriterien ist in der Abfolge beibehalten worden: Formulierung
von (für den Klienten günstigen) Hypothesen, Kriterien, die
erfüllt sein müssen und dann Indikatoren, die anzeigen, dass das Kriterium
erfüllt ist und damit die Hypothese zutrifft beibehalten worden. Einige
Hypothesen deutlich besser und logischer formulierte worden, allerdings
ist die Umsetzung auf die Ebene der Indikatoren weiterhin unklar
und widersprüchlich, zum Teil unverständlich. So wird in Kapitel 5 unverändert
definiert: "An die Indikatoren wird, anders als an die Kriterien,
nicht die Anforderung gestellt, dass sie für sich alleine genommen eine
Entscheidung tragen können müssen." (Seite 69 der zweiten Auflage).
Nur drei Absätze weiter heißt es: "Sie [die Indikatoren] sind jedoch, insbesondere,
wenn sie konkrete Anforderungen definieren (Zeiträume,
Grenzwerte oder Qualitätsstandards) als nicht minder verbindlich zu betrachten
als ein Kriterium." An dieser Stelle wird exemplarisch zweierlei
deutlich: Zum einen wird das Abwägen und Gewichten der vielen Informationen,
das einzelfallbezogene, in der individuellen Entscheidung des
fachlich kompetenten Gutachters liegende Bewerten zurückgedrängt
zugunsten eines Schemas von Checklisten, deren einzelne Punkte zum
Teil Knock-out Charakter haben und eine weitere Begutachtung im
Grunde unnötig machen.
Dies soll deutlich gemacht werden an der Hypothese 1, die immerhin
nicht mehr als Frage, sondern als Hypothese formuliert wird: "Es liegt
eine Alkoholabhängigkeit vor. Eine Entwöhnungstherapie oder eine vergleichbare,
in der Regel suchttherapeutisch unterstützte Problembewältigung
hat zu einer stabilen Alkoholabstinenz geführt." Ein dieser Hypothese
zugeordnetes Kriterium lautet. "Es besteht nachvollziehbar eine
anhaltende Abstinenz von Alkohol." Dies muss also nach der einleitenden
Bedingung ohne Wenn und Aber gewährleistet sein. Sehen wir uns
nun den Indikator 10 an: "Lag vor einer suchttherapeutischen Maßnahme
bereits ein längerer Zeitraum mit einer nachvollziehbaren Abstinenz,
so beträgt die alkoholabstinente Zeit nach Abschluss der therapeutischen
Maßnahme noch mindestens 6 Monate." Dieser Indikator definiert
eindeutig Zeiträume, er ist also genauso verbindlich wie ein Kriterium.
Das bedeutet im Klartext: Ein Klient, der seit längerem abstinent
lebt, sich entscheidet, die Gründe des früheren Alkoholkonsums in einer
verkehrspsychologischen Therapie aufarbeitet, die über 1 oder 2 Jahre
läuft, der die ganze Zeit nachweislich abstinent bleiben und mit einem
aktuellen Abschlussbericht bei der MPU aufläuft, muss ein negatives
Gutachten bekommen. Dies folgt zwangsläufig, da solche Indikatoren
auch von der sprachlichen Formulierung her nicht mehr Hinweischarakter
haben (in der früheren Auflage findet sich häufig ein "in der Regel"),
in eigener Verantwortung des Gutachters interpretiert und abgewogen
werden, sondern nur noch exekutiert werden müssen - unabhängig davon,
ob der Gutachter dies für fachlich vertretbar hält. Wir erleben hier
eine Mechanisierung der Exploration und der Urteilsbildung und damit
eine Entwertung der Fachkompetenz der Gutachter, die keinen Raum
mehr für eine abgewogene Einzelfallentscheidung lässt - schließlich
sind diese Kriterien normativ verbindlich und müssen unhinterfragt angewandt
werden. Wie es zwanghafte Systeme nun einmal sind, sind sie
aber auch widersprüchlich und nicht rational, sie gaukeln eine Scheinsi-
cherheit der Urteilsbildung vor, als ob diese sich durch Befolgen von
Dienstvorschriften erzielen lasse. Unter der Hand aber bleibt die Verantwortung
des Gutachters natürlich bestehen, es ist nur die Frage, welchen
Indikator er in seiner Urteilsbildung außer Acht lässt.
Am Beispiel des Kriterium A 4.1 K (Seite 103): "Der Klient hat den konkreten
Vorsatz, eine Fahrt nur dann anzutreten, wenn keine für die Verkehrsteilnahme
relevante Alkoholwirkung vorliegt und kann ihn auch
durchsetzen." Immerhin ist der letzte Halbsatz in der zweiten Auflage
hinzugekommen, früher reichte vom Wortlaut her das Fassen des Vorsatzes
alleine aus. Aber nun die Frage: Welche der folgenden Voraussetzungen
muss und welche darf nicht erfüllt sein für ein positives Gutachten:
"Dem Klienten ist ggf. sehr wohl bewusst, dass eine besondere
Beeinflussbarkeit bzw. Spontaneität der Entschlüsse vorliegt, und er äußert
Vorsätze, die die Chance einer zuverlässigeren Verhaltenssteuerung
erkennen lassen." und "Die Vorgeschichte des Klienten bietet deutliche
Hinweise darauf, dass er besonders leicht beeinflussbar ist bzw.
zu spontanen Entschlüssen neigt." Wie soll ihm diese Beeinflussbarkeit
bewusst sein, ohne dass es Hinweise darauf gibt? Denn das Vorliegen
solcher Hinweise ist ein Kontra-Indikator. Was der Gutachter auch tut, in
jedem Fall ermöglichen die Kriterien ihn, zur Begründung auf A 4.1 K
zurückzugreifen. Diese Scheinexaktheit, hinter der sich ein unklares und
widersprüchliches Diagnose-Schema verbirgt, wird an der fast unveränderten
Formulierung der zugrundeliegenden Hypothese 4 deutlich:
"Beim Klienten besteht keine unkontrollierte Kopplung von Alkoholkonsum
mit dem Führen eines Fahrzeuges (mehr)." Heißt das, eine kontrollierte
Kopplung ist OK? ("Immer wenn der HSV spielt, ballere ich mir
einen und fahre danach, aber nur dann!") Und was besagt das kryptisch
eingeklammerte "mehr" - ist diese Hypothese nur zu prüfen, wenn es
früher nachweisbar diese Kopplung gab?
Eine weitere, durchgängige Veränderung ist die Verschiebung der Gewichtung
von von psychologischen zu physiologischen Kriterien. Deutlich
wird dies beispielsweise an der Hypothese 2, die klarer als in der
ersten Auflage formuliert ist: "Der Klient ist nicht dauerhaft in der Lage,
mit Alkohol kontrolliert umzugehen. Er verzichtet deshalb konsequent
und stabil auf den Konsum von Alkohol." Zur Erinnerung: Es geht hier
um einen einsichtsgesteuerten, nicht aufgrund einer körperlichen Abhängigkeit
notwendigen Alkoholverzicht mit der Tolerierung eines "sehr
seltenen Konsums sehr geringer Mengen alkoholhaltiger Getränke)"
(Kriterium A 2.3 N, Seite 89 unten). Auch von solchen Klienten wird in
Zukunft ausnahmslos verlangt: (Indikator 7 für dieses Kriterium, Seite
90): "Für den Zeitraum des angegebenen konsequenten Alkoholverzichts
liegen Laborbefunde (direkte Abstinenzkontrollen auf Alkoholabbauprodukte
(EtG)) vor, die deutlich machen, dass der Klient in der
Lage war, im Kontrollzeitraum ausnahmslos auf alkoholhaltige Speisen
und auf Getränke mit geringem Alkoholgehalt zu verzichten." Einerseits
auch hier die logische Widersprüchlichkeit: Der Klient darf mal einen OSaft
mit Sekt trinken, aber er muss nachweisen, dass er es nicht getan
hat. Andererseits wiederholt sich die alte Illusion, mit biochemischen
Markern stabile Abstinenz beweisen zu können.
Dagegen ist zu halten, dass einerseits die vorhandenen EtG-Standards
Alkohol eben nur ab bestimmten Mengen in bestimmten Zeit-Fenstern
nachweisen können, 3 Gramm Alkohol sind etwa die Nachweisgrenze in
einem engen Zeitfenster für den Urin. Dies bedeutet einerseits, dass
zwei Flaschen Malzbier schon als nachgewiesenes Durchbrechen der
Abstinenz zu einem negativem Gutachten führen können, andererseits,
dass ein größerer Konsum am Donnerstag Abend relativ ungefährlich
ist, da frühestens am Freitag die Aufforderung zur Urinprobe am Montag
im Briefkasten sein kann. Auch die Haarprobe auf EtG ist kein Ausweg,
für ein Jahr Abstinenznachweis wären 4 Proben erforderlich. Hier ergibt
sich dann aber das Dilemma, das ein einmaliger auch größerer Konsum
in der Gesamthaarprobe entweder unterginge oder aber Grenzwerte so
niedrig gesetzt werden müssten, dass falsch-positive Ergebnisse wahrscheinlicher
werden. Es sei in diesem Zusammenhang an die "Phantommörderin
von Heilbronn" erinnert, deren Genspuren sich an 40 Tatorten
fanden, bis sich herausstellte, dass das Untersuchungsmaterial
selbst durch eine 71-jährige beim Verpacken verunreinigt war... Je sensibler
das Testverfahren, desto größer das Risiko auf falsch positive Ergebnisse.
Es gibt in nie Grenzwerte, die sowohl Fehler erster als auch
zweiter Art ausschließen. Auch bei der Haaranalyse bei Alkoholverzicht
jenseits einer körperlichen Abhängigkeit gilt dies Prinzip. Ein nicht unwichtiger
Nebeneffekt ist, dass diese Untersuchungen (gerade bei sehr
niedrigem cut-off, die einen hohen Laboraufwand bedingen) zu Kosten
führen können, die die Kosten der eigentlichen MPU übersteigen. Auch
hier wieder eine Schwerpunktverschiebung vom psychologischen auf
den medizinischen Bereich. Und schließlich noch ein Gedankenexperiment,
das die schleichende Umwichtung der Bedeutung der psychologischen
und der der Laborbefunde veranschaulicht: Die meisten Gutachter
dürften inzwischen, wenn sich bei einem Probanden mit Abstinenzangabe
ein erhöhter Laborwert findet, selbstverständlich davon ausgehen,
dass sie beschwindelt worden sind. Was aber glauben sie, wenn
ein Klient angibt, er tränke noch gelegentlich einige Biere oder auch mal
mehr und alle Laborwerte "beweisen" die Abstinenz, d. h. sind unter
dem cut-off?
Nach meinem ersten Eindruck (die Kriterien sind teilweise umnummieriert,
Indikatoren tauchen unter anderen Kriteriumspunkten auf, sind
zum Teil fast, aber eben nur fast identisch formuliert, ein systematischer
Vergleich ist schwierig) scheinen die Hürden für ein positives Gutachten
bei einer Abstinenzstrategie (egal mit welcher Begründung) deutlich höher
zu liegen als früher, während die Kriterien für die Akzeptanz des
kontrollierten Trinkens zwar sehr viel präziser operationalisiert sind,
aber mehr Raum für Einzelfallentscheidung lassen. So werden u.U.
durchschnittliche Trinkmengen bis zu 60 Gramm Alkohol pro Tag für
Männer akzeptiert, es werden nachvollziehbar Dimensionen von Trinkmustern
abgefragt (Rahmenbedinungen, Menge, subjektive Wirkung,
Veränderungen, Risikowahrnehmung), es werden keine EtG-Untersuchungen
verpflichtend gefordert und von der Stabilität von Veränderungen
ist "spätestens nach Ablauf eines Jahres" auszugehen. Insgesamt
wird es also Gutachtern in der Neuauflage eher erschwert, Abstinenzler
positiv zu beurteilen und erleichtert, kontrolliert Trinkende positiv zu beurteilen.
Dies ist nach meinen persönlichen Einschätzungen durchaus
gerechtfertigt, da wir es häufig mit Klienten zu tun haben, die sich unterhalb
einer Abhängigkeit bewegen und auch die Rückfallquoten nicht für
die Abstinenz als grundsätzliche bessere Strategie sprechen. Aber es
hat natürlich für Betroffene, für Kursprogramme und für taktisch denkende
Testvorbereiter ebenfalls Konsequenzen, nach meiner momentanen
Einschätzung werden wir ein Absinken der zweckbestimmten Abstinenzbehauptungen
in den Untersuchungen erleben.
Neben den genannten Kritikpunkten gibt es eine Reihe von Verbesserungen
in Details: wie angemerkt, sind einige Hypothesen klarer formuliert
worden, die Untersuchungslogik im Bereich Alkohol und Drogen ist
aneinander angeglichen worden und es ist ein ausführlicher und fundierter
Abschnitt über psychologische (Leistungs-)Tests hinzugekommen.
Weitere Aspekte werden in den nächsten nlvps behandelt werden.

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