Tollwer

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Stand 19.11.2009

 

 

 

 

Dies ist ein anonymisiertes Gutachten, alle Einzelangaben sind verändert!

 

MEDIZINISCH

PSYCHOLOGISCHES INSTITUT

Begutachtungsstelle für Fahreignung

TÜV NORD GRUPPE

Gebäudeanschrift:

TÜV Hannover/Sachsen-Anhalt e.V.

Zerbster Str. 37• 06844 Dessau

Tel.: (03 45) 2 02 91 01, Fax: (03 45) 2 02 91 01

 

TÜV Hannover/Sachsen-Anhalt e.V. - Zerbster Str. 37• 06844 Dessau

 

 

Herrn

Klaus Tollwer

Bahnhofsstr. 17

24534 Neumünster

 

 

 

7093-01-74999 Erls/Mühl/Pe 11.07.2002

 

 

GUTACHTEN

 

zur Vorlage bei:

Landkreis Delitzsch Ordnungsamt Fahrerlaubnisbehörde

 

über Herrn Klaus Tollwer

geb. am: 05.03.1966

geb. in: Delitzsch

Untersuchungstag: 28.06.2002

Untersuchungsort: Dessau

 

 

Fragestellung gemäß Untersuchungsanlass

Ist zu erwarten, dass der Untersuchte auch zukünftig erheblich gegen verkehrsrechtliche Bestimmungen verstoßen wird?

Die uns übersandten amtlichen Akten, auf die hinsichtlich der Vorgeschichte im einzelnen verwiesen wird, wurden eingesehen und bei der Begutachtung berücksichtigt.

Nach Aktenlage wurde Herr Tollwer wie folgt verkehrsauffällig:

• Überholen im Überholverbot am 12.08.1996.

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (50 km/h) um 34 km/h am 25.10.1996.

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (50 kmlh) um 50 km/h am 01.11.1996.

• Körperverletzung am 15.06.1996.

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (120 km/h) um 24 km/h am 19.07.1996.

• Fahren ohne Fahrerlaubnis am 20.09.1996.

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 28 km/h am 20.11.1997.

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 31 km/h am 29.03.1998.

Den Akten liegt ein Gutachten bei. Im Gutachten vom November 1998 (DEKRA) wurde dem Untersuchten die Teilnahme an einem Kurs zur Wiederherstellung der Kraftfahreignung empfohlen. Eine entsprechende Teilnahmebestätigung über die erfolgreiche Kursteilnahme im Juni/Juli 1999 lag den Akten bei.

Nach Neuerteilung der Fahrerlaubnis wurde Herr Tollwer erneut im Straßenverkehr wie folgt auffällig:

• Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 26 km/h am 27.01.2000.

• Körperverletzung in zwei Fällen am 07.12.2000.

• Körperverletzung am 25.12.2000.

• Missachten der Vorfahrt und Unfall am 09.04.2001.

• Überschreiten des zulässigen Gesamtgewichtes am 12.11.2001.

Nach Aktenlage beantragt Herr Tollwer eine Neuerteilung der Fahrerlaubnis der Klassen A und Cl E.

Die Tatsache, dass das Verkehrsverhalten zu gravierenden Übertretungen geführt hat, weist auf eine weit überdurchschnittliche Missachtung von Verkehrsregeln hin (UTZELMANN, H.D. 1990, Empirische Ergebnisse zum Punktsystem, 28. Deutscher Verkehrsgerichtstag 1990 in Goslar, Hamburg: Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft). Herr Tollwer wird deshalb darauf hin untersucht, inwieweit dies auf Einstellungs- und Anpassungsmängel zurückzuführen ist, die auch zukünftig zu regelwidrigem Verhalten bei der Verkehrsteilnahme führen könnten.

Um eine Aussage über eine mögliche Gefährdung im Straßenverkehr im Sinne der Fragestellung machen zu können, sind folgende Gesichtspunkte, die erfahrungsgemäß und aus wissenschaftlicher Sicht im Zusammenhang mit den Deliktauffälligkeiten stehen können, zu prüfen:

Lassen die gegenwärtigen sozialen und persönlichen Voraussetzungen konsequente Änderungen bisher Unangemessenen Verhaltens im Straßenverkehrzu?

Werden aufgetretene Fehler erkannt und entsprechend kritisch bewertet, z.B. die Bedingungen für gezeigtes Fehlverhalten eher in äußeren Umständen oder Bedingungen oder "innerhalb" der eigenen Person gesucht?

Werden die Notwendigkeit, die Möglichkeit - z.B. die Art und Weise regelkonformen und partnerbezogenen Verhaltens gesehen?

Werden konkrete Verhaltensvorsätze für besonders kritische Situationen formuliert, und ist das Einhalten von Verkehrsregeln zu erwarten, oder beschränkt sich der Untersuchte auf das. Bekunden pauschaler Willenserklärungen?

Welche kompensatorischen Fähigkeiten, auch unter Anwendung rehabilitativer Maßnahmen, sind eventuell einsetzbar, zu aktivieren oder zu festigen?

Liegen organische Beeinträchtigungen und/oder Einbußen der psychischfunktionalen Ausstattung vor?

Zur Urteilsbildung haben sich im Rahmen einer medizinisch-psychologischen Untersuchung im Wesentlichen folgende Verfahren bewährt, die hier zur Anwendung gebracht wurden:

Analyse der Deliktvorgeschichte an Hand der Aktenlage aufgrund von Erfahrungsgrundsätzen

Schriftliche Erhebung von Daten zur Biografie und von Kenntnissen und Einstellungen zum Bereich Straßenverkehr.

Bei entsprechenden Hinweisen testpsychologische Überprüfung der psychophysischen Leistungsfähigkeit

Ärztliche Erhebung von körperlichen Befunden (Blutdruck, körperliche Verfassung)

Psychologisches Explorationsgespräch zur Abklärung der Umstände und Hintergründe des Deliktverhaltens, seines Bedingungsgefüges sowie eventuell bereits eingeleiteter Einstellungs- bzw. Verhaltensänderungen.

 

Verkehrspsychologische Exploration

 

Eigene Angaben

Zur Verkehrsteilnahme machte der Untersuchte hier u.a. folgende Angaben:

Ersterwerb des Führerscheins der Klasse M - 1981

Ersterwerb des Führerscheins der Klassen A und Cl E - 1992

Gesamtfahrpraxis von 16 Jahren bei einer geschätzten Fahrleistung von ca. 2,5 Mio. km.

Zur beruflichen Entwicklung und jetzigen Lebenssituation machte Herr Tollwer hier u.a. folgende Angaben:

Herr Tollwer sei ledig, lebe momentan allein. Er sei Vater eines 13-jährigen Jungen, der bei der Mutter aufwüchse. Nach Absolvierung der Schule habe er eine Ausbildung zum Zimmermann 1984 bis 1986 absolviert. Herr Tollwer gab an, zwischen 1996 und 1998 im Großhandel selbständig tätig gewesen zu sein. Seit 2000 arbeite er als Angestellter im kaufmännischen Beruf bei einer Firma in Borna. Er sei bundesweit tätig. Im September diesen Jahres habe er sich nach Neumünster versetzen lassen.

Befragt zu Freizeitinteressen: „Sport, Photographier und Malen".

 

Ereignisanalyse

 

Überholen im Überholverbot am 12.08.1996:

Er sei sich nicht sicher, was am Delikttag passiert sei. Er denke, er sei in Richtung Borna unterwegs gewesen, habe eine abschüssige Straße befahren. „Genau kann ich mich aber nicht erinnern. Das ist 6 Jahre her."

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (50 km/h) um 34 km/h am 25.10.1996:

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (50 km/h) um 50 km/h am 01.11.1996:

„Da muss ich passen. Ich weiß wirklich nicht, was da los war."

Körperverletzung am 15.06.1996.

„Einzelne Details weiß ich nicht mehr, habe mich hart geärgert über einen anderen Autofahrer. Der meinte, ich hätte ihm die Vorfahrt genommen." Herr Tollwer führt aus, er sei „normal und zügig" auf eine Kreuzung eingebogen. Der Fahrer eines anderen Fahrzeuges habe „von 200 bis 300 m entfernt wie ein Idiot Fernlicht" gemacht. „Er setzte sich vor mich, bremste, da kam ich ins Schleudern. Mein Sohn war mit im Auto. Ich habe mich irrsinnig geärgert, bin beinah vor eine Verkehrsinsel bzw. Bushaltestelle gefahren." An einer Ampel habe er den Fahrer des anderen Fahrzeuges zur Rede gestellt. „Es hat ein Gerangel gegeben. Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht geahnt, dass er zur Polizei geht, dass er den Mut hat. Ich wollte ja erst die Polizei rufen, habe aber gedacht, es bringt nichts."

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (120 km/h) um 24 km/h am 19.07.1996:

„Ich will mich nicht rechtfertigen. Irgendwie bin ich schon für Geschwindigkeitskontrollen. Zu dem Zeitpunkt war ich naiv." Herr Tollwer habe die A8 nach Regensburg befahren. „Das ist eine dreispurige Autobahn. Da hätte eine Boeing landen können ohne anzuecken, so breit ist die, da war kaum Verkehr. Ich weiß nicht, was das soll mit der Geschwindigkeitskontrolle. Das ist so `ne Sache. Mittlerweile habe ich Verständnis, - aber nur im gewissen Rahmen. Ich weiß nicht warum die Geschwindigkeit da begrenzt ist. Da könnte wirklich ein Flugzeug landen. Das ist eine Sache, die habe ich bewusst begangen."

Fahren ohne Fahrerlaubnis am 20.09.1996:

„Das stimmt nicht ganz, hatte die Auflage, den Führerschein für 1 Monat abzugeben. Kurz vor der Abgabe bin ich in eine Verkehrskontrolle gekommen. Die haben gesagt, dass das alles okay ist, dass ist alles in Ordnung. Nach 2 / 3 Tagen habe ich den Führerschein abgegeben, habe den nach 4 Wochen abgeholt. Nach 6 bis 7 Monaten oder noch länger hat jemand festgestellt, dass ich hätte nicht fahren dürfen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich die 7 Punkte bekommen habe, hatte den Führerschein ordnungsgemäß abgegeben, aber 2 / 3 Tage zu spät. Das ist für mich nicht nachvollziehbar." Erklärend führt Herr Tollwer aus, er sei die letzten Jahre kaum zu Hause gewesen. „Wäre ich öfter zu Hause gewesen, wäre ich nicht hier, hätte die Post bekommen, habe nie meine Einschreibebriefe bekommen."

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 28 km/h am 20.11.1997:

„Ich weiß nicht, wahrscheinlich habe ich geträumt, kann keine genauen Angaben machen."

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 31 km/h) am 29.03.1998:

„Ich weiß dazu wirklich nichts, weiß keine Details mehr."

Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (60 km/h) um 26 km/h am 27.01.2000:

Hierzu führt Herr Tollwer aus, er habe seinen „Kopf hingehalten". Er sei selbst nicht gefahren. „Wie soll ich Ihnen das erzählen. Ich weiß es nicht so genau wo das war. Ich weiß, selbst war ich es nicht."

Körperverletzung in zwei Fällen am 07.12.2000:

„Ich ärgere mich richtig darüber." Er sei mit seiner Freundin zur Bank gefahren. Er sei mit einem kleineren LKW unterwegs gewesen. Er habe das Fahrzeug rückwärts einparken wollen. „Das ist ein 6 m langes Fahrzeug. Da gibt es einen toten Winkel." Ein anderer Autofahrer habe Passanten über die Kreuzung gewinkt. „Die Leute sind über die Straße gerannt, sind mir in die Ecke hinten rein gelaufen. Ich habe sie nicht mitbekommen. Es tat mir leid, dass ich eine gewisse Mitschuld habe, das weiß ich mittlerweile auch. Den Leuten ist nichts Ernsthaftes passiert. Die hatten Prellungen und Zerrungen davongetragen, habe mich darüber wahnsinnig geärgert." Er habe den Vorgang einem Anwalt übergeben. Vom Verhandlungstermin sei er zu spät informiert worden. Außerdem habe er festgestellt, dass sein Anwalt über die Ereignisse ungenügend informiert gewesen sei. „Der hatte keine Akte angefordert. Der kam gerade aus dem Urlaub." So habe sich Herr Tollwer entschieden, den Einspruch zurückzunehmen. „Was sollte ich mit ihm vor Gericht gehen." Für die Sache selbst fühle er sich „nicht schuldig". Es tue ihm allerdings sehr leid, was passiert sei. Er habe im Falle einer Verhandlung mit einem Freispruch gerechnet. Für beide Beteiligte am Unfall seien es „dumme Umstände" gewesen.

Körperverletzung am 25.12.2000:

„Das ist eine kuriose Geschichte." Herr Tollwer habe die Fußgängerzone in Regensburg befahren, sei mit einem Transporter unterwegs gewesen. In der Altstadt von Regensburg habe er sich verfahren. „Ich stand mit meinem Auto da, nachts. Es war 23.00/24.00 Uhr. Es war Winter. Es war dunkel." Er habe mit dem Fahrzeug nicht wenden können, habe deshalb durch eine verkehrsberuhigte Zone fahren wollen. „Es war sehr dunkel, Schneeregen, schwarzes Pflaster, schwarze Kirche." Die Straße, die er habe durchfahren wollen, sei mit Fahrzeugen zugeparkt gewesen. Ein Fahrzeug habe sich auf dieser Straße genähert. „Ich habe festgestellt, das Fahrzeug kommt nicht durch." Gleichzeitig habe er einen „Penner" wahrgenommen, der zunächst an der Straßenecke gesessen habe, dann parallel zu seinem Fahrzeug gelaufen sei.

Um das entgegenkommende Fahrzeug passieren zu lassen, sei Herr Tollwer ca. 3 - 4 m zurückgefahren. „Da läuft der Typ hinter mein Auto. Ich sage noch aus Jux zu meiner Freundin, wo ist denn der Alte. Meine Freundin sagte, ich weiß auch nicht. Wir dachten, er ist weg, da klopft jemand ans Fenster, da lag der Typ hinter meinem Auto. Da war ich ganz fix und fertig, denke mir, wie viele Leute willst du denn noch umfahren." Seitens der Polizei sei ihm mitgeteilt worden, dass die betreffende Person bekannt dafür sei, sich vor Autos zu „schmeißen". Bei dem Typen habe es sich um einen obdachlosen drogen- und alkoholabhängigen Mann gehandelt. „Die Polizei hat mir gesagt, wenn nichts passiert, dann kriege ich keine Anzeige. Wenn allerdings was war, dann macht das Krankenhaus Anzeige. Der hatte dann einen Oberschenkelhalsbruch, hatte über 2 Promille." In diesem Falle fühle sich Herr Tollwer „juristisch schuldig", weil er eine verkehrsberuhigte Zone befahren habe.

Missachten der Vorfahrt und Unfall am 09.04.2001.

Herr Tollwer beschreibt anhand einer Skizze die Verkehrssituation. Diese sei insgesamt unübersichtlich gewesen. Herr Tollwer sei von einer Nebenstraße auf die Hauptstraße gefahren. „Ich habe geschaut, ob die frei ist." Beim Einbiegen auf die Hauptstraße habe er ein anderes Fahrzeug gesehen. "Der war verdammt zu schnell." Es sei zu einem Zusammenstoß gekommen. „Ich behaupte, er hat sogar versucht, mich zu treffen. Ich bin Schuld. Ich hätte die Vorfahrt beachten müssen."

Überschreiten des zulässigen Gesamtgewichtes am 12.11.2001:

„Ich habe für jemanden ein Auto abgeholt, habe mir Taschengeld verdient. Dass ich überladen bin, habe ich nicht gemerkt, wo ich Iosgefahren bin, bin selbst schuld. Ich würde denken, das passiert nicht noch mal. Na ja, ich will das nicht ausschließen, dass mir das nicht noch mal passiert. Man kann das ja nicht prüfen mit dem Gewicht, nur schätzen."

Wie er sich die aktenkundige Delikthäufung erklären könne? „Ich weiß, dass ich mich nach dem ersten Führerscheinentzug verändert habe. Als Person, als Mensch, bin ruhiger geworden, lasse mich nicht unter Druck setzen, halte nicht mehr für andere den Kopf hin. Bei den zwei Unfällen, da habe ich eine Mitschuld. Das war halt ein bisschen Pech. Auch, mein Chef sagt, er hat noch nie so einen Menschen wie mich kennen gelernt, fragt immer, warum ausgerechnet du. Ich sage, ich weiß es auch nicht. Es ist schwierig für mich zu sagen, warum, weshalb, wieso, habe gedacht, hast 10 Punkte, reißt dich am Riemen. Es ist dann doch nicht so gekommen. Ich will mich da nicht rausreden."

In einer schriftlichen Stellungnahme ergänzt Herr Tollwer, dass er denke, dass sein Verhalten auf „mangelhafte Konzentration" zurückzuführen sei, dass er immer versucht habe, anderen Personen gegenüber loyal zu sein und dass er sich habe dadurch selbst unter Druck gestellt.

Wie es ihm zukünftig möglich werde, sich regelkonform im Straßenverkehr zu verhalten? Zunächst reagiert Herr Tollwer mit Schulterzucken. „Ich kann nur sagen, dass ich ruhiger geworden bin, dass ich mich nicht mehr unter Druck setzen lasse." Er habe jetzt wohl den Arbeitsort verändert, „dass ich nicht mehr soviel fahren muss, bin die letzten Jahre von und zur Arbeit insgesamt ca. 160.000 km gefahren".

Darüber hinaus führt Herr Tollwer aus, dass er nicht mehr rückwärts fahren werde. Busfahrer würden dies ja schließlich auch so handhaben. Um Vorfahrtsmissachtungen zu verhindern, werde er mehr aufpassen. Er werde versuchen, sich nicht mehr in solche Situationen zu bringen. Er denke, er müsse mehr an seiner Konzentration arbeiten. Das Beachten von Gesetzen sei ihm wichtiger als Entgegenkommen gegenüber dem Chef zu beweisen oder auch anderen Personen. Er würde das Autofahren auf ein Minimum reduzieren, beschäftige sich auch mit anderen Dingen, um ausgeglichener zu sein (Malen, Fotografieren usw.).

Abschließend führt Herr Tollwer aus: „Ich würde alles tun, um in der Lage zu sein, sicher Auto zu fahren (Kurse, Aufbauseminare, Schulungen usw.)."

 

Exploration und Verhalten

Freundlich, gesprächsbereit. Er zeigte sich demonstrativ einsichtig, jedoch ohne Bezugnahme auf personenspezifische Ursachenanteile.

Äußerungen, die auf eine einsichtige und differenzierte Verarbeitung der aktenkundigen Vorfälle schließen, lassen könnten, waren kaum erkennbar. Offensichtlich sind hierzu weiterführende Maßnahmen erforderlich, um dem Untersuchten eine Hilfestellung beim Transparentmachen der eigenen Handlungsregulation zu geben.

Der Untersuchte vermochte keinen veritablen Handlungsplan zu formulieren, der es ihm in Zukunft gestatten würde, angepasst im Straßenverkehr teilzunehmen.

 

Verkehrsmedizinischer Befund

Bei der ärztlichen Untersuchung ist entsprechend der behördlichen Fragestellung zunächst festzustellen, ob das Führen von Kraftfahrzeugen aus verkehrsmedizinischer Sicht beeinträchtigt oder sogar ausgeschlossen ist. Hierbei werden auch Befunde erhoben und interpretiert, die entsprechend dem Untersuchungsanlass in Verbindung mit den Vorgeschichtsdaten und dem psychologischen Befund für eine Verhaltensprognose bedeutsam sind.

Die medizinische Untersuchung umfasst die Erhebung der Krankheitsvorgeschichte (Anamnese). In jedem Fall findet eine orientierende Untersuchung der Bereiche innere Organe (Tastbefund), Herz/Kreislauf, Nervensystem, Bewegungsapparat und -abläufe (Motorik) einschließlich Vegetativum statt. Der spezielle Untersuchungsumfang richtet sich nach der von der Straßenverkehrsbehörde definierten Fragestellung und wird ggf. ergänzt durch labormedizinische Analysen. Daten der Krankheitsvorgeschichte und Befunde, die für die Fragestellung nicht von Bedeutung sind, werden im Gutachten nicht aufgeführt.

Alter: 35 Jahre; Größe: 176 cm; Gewicht: 70,5 kg

Krankheitsanamnese:

• anamnestisch anlassbezogen unauffällig

Keine Medikamenteneinnahme in den letzten drei Monaten.

Untersuchungsbefunde:

• Visus (Sehschärfe) für die Ferne: ohne Korrektur re 1,0, li 1,0

• anlassbezogen ohne krankhaften Befund

 

Leistungspsychologisches Untersuchungsergebnis

Leistungsbefunde werden in Prozenträngen (PR/Gesamtnorm) mitgeteilt. Der PR gibt an, wie viel Prozent der Personen einer vergleichbaren Stichprobe geringere Leistungen aufweisen; der mittlere Leistungsbereich liegt zwischen PR 16 und PR 84.

Test für reaktive Stress-Toleranz (RST3)

(untersucht Reaktionskapazität und Belastbarkeit bei Mehrfachwahlreaktionen)

1. Phase:

Richtige Reaktionen . PR 98

2. Phase:

Richtige Reaktionen PR 72

3. Phase:

Richtige Reaktionen PR 29

 

Tachistoskop-Test zur Erfassung der Überblicksgewinnung (TT15)

(untersucht Überblicksgewinnung, d.h. Fähigkeit, wesentliche Einzelheiten des Fahrumfeldes so rasch wie möglich wahrzunehmen. Wahrnehmungs- und Orientierungsleistung im visuellen Bereich)

- Richtige Lösungen PR 63

 

Ergebnisse zusätzlicher Untersuchungsverfahren

Fragebogen für verkehrsauffällige Kraftfahrer (FVK): Skala A 8; Skala V 9; Skala C 2; Skala D 5

Die Antworten im FVK zeigen keine signifikanten Abweichungen hinsichtlich psychischer Stabilität, kritischer Selbstdarstellung, Affinität zum Autofahren und hinsichtlich der Haltung gegenüber Verkehrsteilnehmern und Vorschriften.

 

Zusammenfassende Befundwürdigung

Herr Tollwer hat sich hier im Sinne der angegebenen Fragestellung untersuchen lassen, um die von der Verwaltungsbehörde geäußerten Zweifel an der Fahreignung auszuräumen.

Aus der medizinischen Vorgeschichtserhebung und den bei unserer Untersuchung erhobenen körperlichen Befunden wurden keine für die Fragestellung bedeutsamen Ergebnisse festgestellt.

Die verkehrspsychologische Untersuchung der für die Teilnahme am motorisierten Straßenverkehr wichtigen Leistungsbereiche lässt keine wesentlichen Einschränkungen erkennen, so dass unter funktionspsychologischen Gesichtspunkten keine Eignungsbedenken zu äußern sind.

Unabhängig von diesen Feststellungen liegt der Schwerpunkt der Eignungsproblematik im Persönlichkeitsbereich, besonders bei der Frage, ob künftig im Sinne der Fragestellung ein regelkonformes; partnerbezogenes Verhalten im Straßenverkehr erwartet werden kann.

Im Untersuchungsgespräch zur Vorgeschichte und zu den jetzt vorherrschenden Einstellungen und Verhaltensbereitschaften (Exploration) wurde neben der Deliktbesprechung vor allem die Frage der Vermeidung von erneuten Verkehrsverstößen angesprochen.

Für die Beurteilung der allgemeinen Gefährdungs- bzw. Rückfallwahrscheinlichkeit ergeben sich aus der Vorgeschichte nach empirischen Kriterien erhebliche Bedenken. Herr Tollwer hat zwischen 1996 und 2001 zahlreiche gravierende Verkehrsübertretungen unterschiedlicher Qualität begangen. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass Herr Tollwer nach Teilnahme an einem Kurs zur Wiederherstellung der Fahreignung erneut wiederholt gegen verkehrsrechtliche Bestimmungen verstoßen hat! Nach Art und Ablauf der bisherigen Verkehrsverstöße ist ein vorwiegend situationsbedingtes Zustandekommen oder eine eher zufällige Häufung kaum wahrscheinlich; vielmehr ist auf eine mangelhafte Sicherheitseinstellung zu schließen. Die Tatsache, dass es trotz Verwarnung, Belehrung und Bestrafung bisher nicht gelungen ist, eine Umorientierung des Verkehrsverhaltens bzw. eine Haltungsänderung herbeizuführen, weist auf eine geringe Beeindruckbarkeit hin. Nach empirisch wissenschaftlichen Untersuchungen steigt die Wahrscheinlichkeit, Verkehrsverstöße zu begehen, mit der Anzahl der bereits begangenen Delikte an.

"Mehrfachtäter" zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie in relativ dichter Folge Verkehrsdelikte begehen, d. h., Verkehrsregeln werden von ihnen schließlich gewohnheitsmäßig übertreten, ohne dass die jeweiligen behördlichen Maßnahmen (Geldbußen, Verwarnungen usw.) eine entscheidende Änderung des Fahrverhaltens bewirken. Von Kraftfahrern mit einem derartigen Fahrverhalten geht insofern eine besondere Gefährdung aus, als ihre verminderte Anpassungsbereitschaft im Straßenverkehr immer neue Verkehrsverstöße provoziert.

Der reibungslose Ablauf des Verkehrsgeschehens ist weitgehend von der Beachtung des Regelsystems, weiches das Verkehrsverhalten steuert, abhängig. Die Beachtung der Regeln erfordert aber vom einzelnen Fahrer eine Anpassungsleistung. Wenn er die Anpassungsleistung nicht erbringen kann oder will, kommt es zu Regelverstößen. Bei Kraftfahrern, die wiederholt verkehrsauffällig wurden, ist davon auszugehen, dass es ihnen nicht gelingt oder dass sie nicht bereit sind, sich den Verkehrsbestimmungen und den Verkehrsgegebenheiten anzupassen. Das gezeigte Fehlverhalten lässt also auf Anpassungsstörungen schließen.

Bei der Schilderung der aktenkundigen Delikte wird deutlich, dass bei Herrn Tollwer von einem aggressiven Fahrstil mit erhöhter Risikobereitschaft und Durchsetzungsfreudigkeit hinweisen. Sein Fahrverhalten deutet somit auf eine Persönlichkeitsstruktur hin, die sich ganz allgemein in einer egozentrischen Einstellung, einem Mangel an emotionaler Kontrolle sowie erheblichen aggressiven Tendenzen äußert. Solche Verhaltensdispositionen können aber beim Fahren besonders leicht ausgelebt werden, weil man in seinem Fahrzeug weitgehend anonym bleibt und nicht in direkten sozialen Kontakt mit den anderen Verkehrsteilnehmern tritt.

Entscheidend für die persönlichen Voraussetzungen, sich zukünftig im Straßenverkehr regelkonform zu verhalten, ist eine reflektierende Auseinandersetzung des Untersuchten mit den eigenen ursächlichen Anteilen (personenspezifische Ursachen) beim Zustandekommen des früheren Fehlverhaltens.

Im Rahmen der Exploration zeigte sich, dass es Herrn Tollwer nicht gelang zugrunde liegende, für die Wiederholung von Auffälligkeiten verantwortliche personenspezifische Ursachen und Einstellungen seines Fehlverhaltens zu benennen. Die Stellungnahmen verdeutlichen, dass bisher eine ausreichende Selbstsicht nicht erreicht wurde. Vielmehr liegt eine Strategie vor, wie sie für Kraftfahrern mit wiederholten Zuwiderhandlungen typisch ist, nämlich die Ursachen der bisherigen Verstöße auf äußere, von der Person unabhängige Umstände abzuschieben und das Ausmaß des eigenen Fehlverhaltens zu bagatellisieren.

Für die Verkehrsprognose ist bedeutsam, dass Herr Tollwer über pauschale Absichtserklärungen hinaus nicht erklärt, was künftig getan werden muss, um weitere Risiken auszuschließen.

Insgesamt betrachtet liegt eine Kombination von Fehleinstellungen und ungünstigen Verhaltensbereitschaften vor, die mit hoher Wahrscheinlichkeit das zukünftige Verhalten bestimmen werden.

Bei der Untersuchung konnte die Frage nicht beachtet werden, ob bei der Art der Eignungsmängel die begründete Aussicht besteht, diese Mängel durch Teilnahme an einem Kurs zur Wiederherstellung der Fahreignung zu beheben, da Herr Tollwer bereits im Ergebnis der letzten Begutachtung von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht hat. Diese Maßnahme konnte jedoch nicht dazu beitragen, eine zukünftig regelkonforme Verkehrsteilnahme zu erreichen.

 

Beurteilung gemäß Untersuchungsanlass und Fragestellung

Aus gutachterlicher Sicht ist die Fragestellung der Verwaltungsbehörde - ungeachtet einer eventuell noch bestehenden Sperre - daher wie folgt zu beantworten:

Es ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass der Untersuchte zukünftig erheblich gegen verkehrsrechtliche Bestimmungen verstoßen wird.

Die dem aktenkundigen Verhalten zugrunde liegenden Eignungsmängel können aus unserer Sicht am ehesten durch folgende Maßnahmen gemildert oder behoben werden:

Eine wesentliche Verbesserung der individuellen Voraussetzungen wird nur durch eine grundlegend kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Person, eigenen Einstellungen und eigenem Verhalten zu erreichen sein. Es wird Herrn Tollwer eine konsequente, selbstkritische Aufarbeitung der eigentlichen Ursachen des Deliktverhaltens mit individueller therapeutischer Hilfe empfohlen.

 

im Entw. gez.

Dipl.-med. Mühlbach Erlsen

Fachärztin für Allgemeinmedizin Diplom-Psychologin

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